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Neuigkeiten

09. August 2016

Rock'n'Roll am Wiehen


Bundesliga fliegen bedeutet 2,5 Stunden mit möglichst viel Geschwindigkeit zu fliegen. Und dafür eignet sich ein Flugzeug ganz besonders: Unser Arcus! Mit seinen 20m Spannweite und Wölbklappen ist er der Prosche unter den Doppelsitzern und ist auf dem neuesten Stand der Technik. Aber auch mit dem besten Flugzeug entscheidet am Ende immer noch das Wetter. Und wenn dies Zuhause nicht mitspielt, muss man eben mal weg. Also ab zum Hangfliegen ans Wiehengebirge!

Nach dem uns das Fliegerlager in Bad Neustadt zwar reichlich gute Stimmung, dafür aber nur wenig gutes Flugwetter beschert hat, war letzten Sonntag die Motivation für einen ausgedehnten Segelflug groß! Vorhergesagte Warmluftadvektion versprach Blauthermik bei schlechten Steigwerten. Eine von Nordwesten vorausgesagte Front ließ ein frühes Thermikende befürchten. Doch es gab Hoffnung: mäßiger Südwest-Wind - wahrscheinlich zu schwach für den Teuto, aber dafür evtl. ausreichend für das Wiehengebirge.

Marcus und ich haben diese Möglichkeit am Vorabend bereits diskutiert, wegen fehlender F-Schleppmöglichkeit aber zunächst wieder verworfen. Sonntags ist die Motivation vorerst im Keller, da alle Flugzeuge nach dem Fliegerlager neu aufgebaut werden müssen. Nach dem ich zunächst einen Checkflug gemacht habe, war klar: Am Teuto tragen A-,B und C-Hang. Der Weg nach Bielefeld ist durch Thermik gestört. Es könnte aber nach wie vor für die Porta reichen. UA und 7D höre ich im Funk: Beide haben Schwierigkeiten auf dem Weg zur Porta. Marcus und ich starten. Mühsam kämpfen wir uns auf 850 m über Oerlinghausen hoch. Das reicht gerade so bis Porta-Flugplatz inkl. Reserve. Der Hang liegt allerdings ein paar km hinter dem Platz und zu niedrig sollten wir nicht ankommen, sonst klappt der Einstieg nicht. Wir sind allerdings motiviert und da wir beim Kurbeln bereits durch das Lee des Teutos durch versetzt wurden, sind wir auch optimistisch anzukommen. Also fliegen wir los. Der erste spannende Moment des Flugs.

Wir fliegen durch 1,5-2 m/s Sinken, also eine richtig schlechte Linie und fliegen offensichtlich an zwei Bärten im Blauen vorbei. Bei Vlotho finden wir schwaches Steigen. Jeder Kreis bringt uns näher an die Porta. Der Einstieg am Haupthang ist nun sicher. Wir legen uns einen Plan zurecht und entscheiden uns für einen schnellen Bundesligaflug, der bei Lübbecke starten soll.

Auf dem Weg nach Lübbecke fliegen wir vorsichtig und testen die Zuverlässigkeit des Hangwinds. Konstantes Steigen mit einigen starken Bärten dazwischen. Wir fliegen etwas niedriger und schneller: Es trägt immer noch zuverlässig. In der Bundesliga-Wertung zählen die schnellsten 2:30 Flugstunden, wobei der Start tiefer als das Ende sein muss. Also wenden, andrücken, hochziehen und los geht’s!

Bis zum Süntel fliegen wir zwar nicht gerade langsam, aber dennoch recht vorsichtig. Das ist noch die Ausprobier-Phase der einzelnen Hänge. Es trägt alles sehr zuverlässig. Wir erreichen Sprunghöhe durch einen guten Bart am Süntel und fliegen Richtung Ith. Eine Zeit lang ist Bisperode unser Plan B, dann fassen wir einen Acker ins Auge. Wir fliegen nicht zu schnell, um mit der Höhe hauszuhalten. Wir kommen unter Hangkante am Ith-Kopf an. Tasten uns nah ans Gelände heran. Dann plötzlich: starke Turbulenzen, hoher Varioausschlag, der Hang trägt. Wir steigen und werden schneller. Wir fliegen weiter bis zum Ith.

Wir wenden bei Ithwiesen. Auf dem Rückflug sind wir schnell und nah am Gelände. Wir beobachten ständig als Kontrolle den Wind in den Baumwipfeln und die Richtung und Drehgeschwindigkeit der Windräder. Wir wenden in Lübbecke und machen die selbe Rutsche bis Ithwiesen erneut. Auf dem Weg liefern wir uns ein Rennen mit einem anderen Arcus. Wir verlieren ihn bis zum Süntel aus den Augen. Er ist wohl randvoll mit Wasser und kann somit schneller vorfliegen. Am Süntel ist er allerdings zu tief und wir ziehen einen besseren Bart. Schließlich überholen wir ihn. Wir treffen ihn auf dem Rückweg am Ith-Kopf wieder.

Nun sind wir auf dem letzten Schenkel Richtung Lübbecke. Man sieht die heranziehende Front. Die Windräder am Süntel sehen noch vielversprechend aus. Ein Windrad am Horizont Richtug Porta Westfalica steht parallel zum Hang! Ist das der Windsprung vor der Front? Wir diskutieren hitzig im Cockpit. Wie weit müssen wir fliegen um 2:30 Stunden voll zu bekommen? Vor der Front gibt es Quellungen. 7D ist thermisch nach Oerli zurück gekommen. Wenden wir noch in Lübbecke? Mir kommt etwas spanisch vor: Wir haben die selbe Höhe wie zwei Schenkel zuvor, fliegen aber nur 120 km/h statt 180 km/h. Ich treffe die Entscheidung: Wir geben die Wende auf. Die Zeit müsste eh um sein. Vorsichtig fliegen wir am Hang weiter. Ziehen kurz vor der Porta einen mäßigen Bart.

Die Hoffnung steigt: Thermisch nach Hause zu kommen wäre das i-Tüpfelchen. Wir zählen jeden Meter, den wir auf Oerlinghausen gut machen. Vorsichtig fliegen wir weiter vor. Wir fliegen bis an die Kante des Gleitbereichs von Porta Flugplatz. Jetzt müssten wir nach Bad Salzuflen vorfliegen, Porta aufgeben und als Ausweichmöglichkeit einen Acker akzeptieren. Das Risiko gehen wir nicht ein, obwohl uns nur wenig Höhe auf Oerlinghausen fehlt. Eine Auswertung im OLC zeigt, dass PF (ASW22 BLE) unter uns durchgeglitten ist und bei Bad Salzuflen die letzten Meter gut gemacht hat. Abends ärgere ich mich darüber. Allerdings trifft man ohne Motor auch andere Entscheidungen als mit Motor und hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Die Freude über diesen tollen Flug überwiegt und durch den F-Schlepp in Porta konnte ich ein paar schöne Fotos von meiner alten Wirkungsstätte in Bad Oeynhausen schießen.

Auf diesem Flug haben wir mal wieder viel gelernt:
- Die Ortskundigen erkennen sofort wie gut der Hang trägt und müssen ihn nicht erst
einmal vorsichtig abfliegen. Da fehlen uns wohl noch etliche Flugstunden.
- Mit Wasser ist man natürlich schneller (wir wären mit Wasser vermutlich aber gar nicht erst angekommen).
- Man kann zwar schneller vorfliegen, wenn aber mit dem Annehmen eines Barts zu lange wartet, muss man mit dem leben, was noch übrig bleibt und liegt am Ende vielleicht hinten. 
- Am Teuto fliegt man ganz anders als am Wiehen! Eine Einweisungen an beiden Hängen ist daher Pflicht!
- Stets die Baumwipfel und Windräder im Auge behalten und Entwicklungen beobachten.
- Ein Wetterbriefing ist Pflicht: Wie entwickelt sich der Wind (Windsprung bei
Frontdurchgang); wann ist Sunset?
- Welchen Plan verfolgen wir und wie viel Zeit brauchen wir dafür?
- Mit ausgeschaltetem Motor fliegt man anders als ohne Motor.

Christian Hund

http://www.onlinecontest.org/olc-2.0/gliding/flightinfo.html?flightId=1715606859